Unsere Kolonie - unser Kleingartenverein - unser Paradies

Nach dem 1. Weltkrieg  war die Not der Menschen groß, jeder suchte sich zu helfen, so gut er konnte. So dachten auch die Bewohner der Häuser am Handelskai nahe dem Heustadelwasser, oft Donauschiffer, Angestellte von Schiffahrtslinien oder Zöllner. Zuerst wurden in damals reichlich vorhandenen Baulücken Gemüsebeete angelegt. Die Erde hiezu wurde teils aus dem Schlamm des Heustadelwassers gewonnen, teils  wurde das „Bergl" in unserem Garten  zu ungefähr 2/3 abgegraben. Auf dem ursprünglichen Hügel stand einst ein Stromwächterhaus, das Heustadelwasser war ja bis zur großen Donauregulierung um 1870 noch durchflossener Strom.

Die Geschichte mit den Beeten und der mühsam auf den Damm gekarrten Erde hat mir Frau Gilma erzählt, die Gattin des Bezirkspolitikers. (Sie war nach dem Krieg der Engel der Kinderausspeisung, heute noch ein kräftiges "Danke!")

1920 legte man dann in der "Gstetten" eine Schrebergartenkolonie an. Die Bezeichnung stammt einerseits vom Dr. Schreber, der ja hinlänglich bekannt ist, andererseits von der Überzeugung, dass man keine Kolonien in Übersee bräuchte, wenn man die Ressourcen im Lande nützt. Es waren hauptsächlich Pensionisten von Post und Bahn, die den Sprung ins Ungewisse wagten.

Die Zäune waren unglaublich primitiv. Unser Vorgänger kam als alter Eisenbahner an "Bagstalle" heran, ausgediente Schwellen aus hartem Eichenholz und mit Kupfervitriol derart gut imprägniert, dass einige bis heute überlebt haben - zB in meiner Rustenhecke beim Wasser. Dazwischen zog man festere Drähte, zwischen denen Äste aus dem Prater eingeflochten wurden.

Hütten waren in der Anfangszeit nicht nur verboten, sondern überdies Luxus. Für die Gartengeräte gab es Lauben, und wenn das Wetter zu schlecht war und man Unterschlupf brauchte, lief man zum Schutzhaus. Für Ältere: Wer erinnert sich noch an "den  Heissig", der aber schon in einem Lehmbau(!) residierte. Heute steht das Gasthaus Futterknecht an der geschichtsträchtigen Stelle.

Später baute man dann doch Hütten, mit einem Raum, und wenn es hoch kam, noch einen kleinen Schupfen dazu. Baumaterial waren hauptsächlich die Bretter zerlegter Zuckerkisten, die Einrichtung wurde großteils selbst gebastelt und wer konnte, hatte ein Kanonenöferl. Irgendeinen heizbaren Abfall, meist Holz, gab es in den Gärten immer und was man nicht hatte, wurde aus dem nahen Praterwald geholt.

Dann kam der Zimmermann Wunsch als Gartenkollege, baute sich ein größeres Haus, und baute mehrere Häuser für die Nachbarn. Das war sozusagen Stufe 2 und galt, bis wir die offizielle Erlaubnis zum Bauen erhielten, als höchster Standard.

Etwas später baute man nicht nur Gemüse an und war auf die ersten Erträge der jungen Obstbäume stolz, es wurden auch Kleintiere gehalten. Meistens waren es Hasen, die man ganz jung bei Ausstellungen, aber auch bei privaten Züchtern erstand. Diese Stallhasen wurden gut gehalten,  ihre Ställe hatten einen Rost, durch den  der Urin und die Bemmerln fielen. Einmal in der Woche wurde ausgemistet. Dieser Hasenmist  wurde gesammelt und musste ca. ein Jahr ruhen, um die Schärfe zu verlieren und danach als wertvolle Düngerbeigabe zu dienen.

Die Hasen selbst wurden nach und nach geschlachtet und gegessen - anderes Fleisch war ohnedies rar, speziell nach dem 2. Weltkrieg. Die Felle wurden auf primitive Rahmen gespannt, getrocknet und dann dem hin und wieder vorbeikommenden "Hosnheitlmau" um gutes Geld verkauft. Die Felle gingen in die Filzhut-Industrie. Was aber das Besondere war: Der Kaufruf des Hasenheitlmannes "Hosnheitl, Hosnheitl, dar Hosnheitlmau is do!" In Wien gab es früher viele derartige Kaufrufe, von denen sich nur einer, operettenhaft, erhalten hat: "Kaufts an Lavendel ...".

Außer Hasen hielt man auch seltener Hendeln, und der Gipfel waren die Ziegen der Frau Hanke, deren Garten der Stiege vom Damm herunter weichen musste. Diese Ziegen trieb sie täglich in den Prater zum Fressen, und die unersättlichen Tiere blieben immer bei unserem Garten stehen und versuchten, den schwarzen Ribiselbusch neben unserem Eingang anzuknabbern. Der Busch lebt heute noch, weil ich ihn mit einem sehr feinmaschigen Gitter geschützt habe.

Aber zurück in der Geschichte. Zwischen den Kriegen war das Heustadelwasser frei befahrbar und so hatten einige Gärtner Boote, auch mein Großvater, der  fischte, allerdings ohne große Erfolge. Alte Fotos zeigen den freien Blick von den Gärten auf den Damm bis zur heutigen Straßenbahnendstelle.

Der Krieg kam erst in seinen letzten Tagen zu uns. Im Prater wurden durch den Volkssturm eifrig Verteidigungsstellungen ausgehoben. Eine verlief an unserem Ufer des nunmehr verschilften Heustadelwassers, und auch in unserem Garten war ein Schützengraben. Unsere Hütte wurde aufgebrochen und die dort gelagerten Gemüsekonserven zwar geöffnet, aber enttäuscht  weggeworfen. Wahrscheinlich hatten die tapferen Krieger Fleisch erwartet. Unsere Matratzen  landeten im Schützengraben, weil das Grundwasser sehr hoch war und man trocken stehen wollte. Letztendlich zog die Truppe ab. wahrscheinlich die Sinnlosigkeit ihres Tuns einsehend.

Aber der Krieg ließ seine Relikte zurück, gegurtete MG- Munition, Übungspatronen, und die größte Sensation war eine sehr große Fliegerbombe, ein Blindgänger der im weichen Schlamm nicht explodiert war. Ich fand das Ding, als der Wasserstand  im Frühherbst 1946 sehr tief war und man das ganze Gelände des "Heidara" trockenen Fußes durchqueren konnte. Die Aufregung war allseits groß. Der Entminungsdienst kam aber sehr rasch und entsorgte den gefährlichen Fund.

Damals verbrachten wir den gesamten Frühling und Sommer im Garten, der auch unser Wohnzimmer war. Meine Großmutter kochte auf einem Sparherd und wir gingen täglich in den Prater um Hasenfutter und Brennholz. Nach einem Sturm musste man schnell draußen sein, denn viele Gartenkollegen klaubten damals Holz, selbstverständlich ohne "Klaubkarte" der Praterverwaltung ...

Gut für Futter und Holz waren auch die Geleise der Donau-Uferbahn. Wir mussten nur den zahlreichen Blindgängern ausweichen,die in der Erde steckten. Die Donau  gab Schwemmholz  und am Damm fanden wir auch sonstige Kriegsrelikte. Beliebt waren die Mannschaftsspaten, klein und handlich.

Ein Bewohner der Gemeindehäuser war besonders schlau. Er "organisierte" aus einem Lager der ehemaligen Wehrmacht Barackenteile und allerlei Bauholz und offensichtlich waren seine Beziehungen so gut, dass er ein Stück Prater zu einem Garten "umwidmen" konnte. Es war eine nette Familie, die sich neben dem heutigen Obmannplatz ansiedelte. Wir Kinder spielten oft auf diesem Platz und fanden bald Kontakt zu den Leuten.

Hier fanden auch diverse Fußballmatches (meist mit „Fetzenlaberln" oder alten Tennisbällen) statt, auch geköpfelt wurde nach strengen Regeln. Je nach Reihenfolge des Ballkontaktes Hand-Kopf-Boden-Gegner gab es eine "Deutsche", Russische, Englische, Französische usw. Höchstens Überlebende der benachbarten Koch-Familie wissen vielleicht heute noch Bescheid.

Im Herbst gab es nicht nur Gelsenfeuer, sondern auch Wachtrupps der Gärtner gegen die Erdäpfeldiebe. Gegen die Russen gab es allerdings kein Mittel, die musste man gewähren lassen. Sie nahmen sich, was ihnen gefiel. Mein Großvater hat mir sogar erzählt, dass im Frühjahr 1945 eine Gruppe "Russenweiber" zu faul war, zum Erdbeerstehlen über die Zäune zu klettern. Sie ließen deshalb einen Panzer kommen, der einige Zäune niederwalzte. Bequemlichkeit hat eben ihren Preis ... bei den anderen. Und man konnte nicht einmal etwas dagegen sagen. Es durfte in den Zeitungen nicht heißen "ein russischer Soldat hat ...", man durfte äußerstenfalls schreiben "ein unbekannter Uniformierter hat ...".

Trotzdem, oder vielleicht  wegen der Misshelligkeiten war der gute Geist unter den Gärtnern ungebrochen, und es ging stetig aufwärts. Heute haben wir ein wahres Paradies, aber es tut gut zu wissen, wie einfach die Anfänge waren und wie mühsam oft der zurückgelegte Weg zu gehen war.

Auf weitere 85 gute Jahre!

Ulrich Pohl (geschrieben für die 85 Jahre Festschrift)

Gartenbewerbung

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